Scala Naturae → 2017–2018

“Wenn aber die Rinder und Perde und Löwen Hände hätten und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, die Rinder in der von Rindern, und sie würden solche Statuen meisseln, ihrer eigenen Körpergestalt entsprechend.” Xenophanes

Im Frühjahr 2012 machte sich der Zoo Zürich daran, zwei zuvor im Käfig gehaltene Papageien in eine neue Anlage umzusiedeln. Auf diesem neuen Gebiet waren die beiden Hyazintharas nicht länger bloß Gefangene in einem Käfig, sondern erhielten mehr Raum für Bewegung. Zudem wurden sie zu Botschaftern des illegalen Tierhandels gradiert, über den sich die Besuchenden von nun anhand verschiedener Installationen selbst sensibilisieren konnten. Der Bau dieser neuen, den Zoo-Standards von heute entsprechenden Gehege gilt unter anderem dem Versuch, alte Grenzen neu zu ziehen. Die beiden Papageien, welche in südamerikanischen Kulturen als ein Symbol für Freiheit gelten, bezahlten den Umzug in ein offenes Gehege mit der Stutzung ihrer Flügel. Da die Vögel nicht mehr fliegen konnten und ein Jahr später von einem Marder gefressen wurden, wurde gefragt, weswegen der Zoo Zürich das “Gefängnis nicht besser geschützt“ habe. So endete das Kapitel der beiden Papageien nicht mit dem Hinterfragen nach der Gefangenschaft tropischer Vögel auf dem Zürichberg, sondern mit einer Bemerkung und dem impliziten Vorschlag in Form einer technischen Antwort auf ein praktisches Problem. Die Frage muss erlaubt sein, ob an diesem Bild nicht etwas gewaltig falsch ist.

“Man sieht aber ebenso, wie auch nach dem Eintritt ins fertige Dasein für alles Lebendige die Annahme gelten muß, einmal, daß die Pflanzen der Tiere wegen, und dann, daß die anderen animalischen Wesen der Menschen wegen da sind, die zahmen zur Dienstleistung und Nahrung, die wilden, wenn nicht alle, doch die meisten, zur Nahrung und zu sonstiger Hilfe, um Kleidung und Gerätschaften von ihnen zu gewinnen. Wenn nun die Natur nichts unvollständig und auch nichts umsonst macht, so muß sie sie alle um des Menschen willen gemacht haben.”

Aristoteles
Über den Platz des Menschen auf der Erde wird seit Jahrtausenden nachgedacht. Dabei hielten unterschiedliche Kulturen, zu unterschiedlichen Zeiten, unterschiedliche Antworten bereit. In der westlichen Philosophie wurde der menschliche Zustand bis in die Moderne vorweigend als eine Mittelstation zwischen Animalität und Göttlichkeit verstanden: Die Menschen verfügen demnach über alle irdischen Wesen.

Bereits in der griechischen Antike dominierte ein überwiegend teleologisches Naturverständnis. Das heisst es wurde davon ausgegangen, dass sich die gesamte Natur sowie die Menschen planvoll entwickeln, wobei diese Entwicklung stets auf einen höheren, göttlichen Zweck ausgerichtet war. Die Idee der Scala Naturae, einer großen Kette des Seienden mit Menschen als den höchsten Lebewesen auf Erden, wird Aristoteles (384–322 v. u. Z.) zugeschrieben. Dieser erwähnt in seiner Politik, dass einzig Menschen als ein zôon politikón, als ein politisches Wesen verstanden werden können, denn nur sie besässen die gottgegebenen Fähigkeiten der Sprache (Logos) und der Vernunft. Die Differenzierung der Menschen von dem Anderen über die Zu- und Absprache bestimmter Fähigkeiten, wurde im antiken Griechenland mit Aristoteles erstmals systematisch formuliert. Aristoteles folgend entwickelten und radikalisierten die griechisch-römischen Denkschulen der Zeit—allen voran der Stoizismus—die Erhebung des Menschen zu einem kosmischen Prinzip. Damit prägten sie die Gedankenwelt christlicher Theologen maßgeblich: Augustinus von Hippo (354–430) und Thomas von Aquin (1225–1274) haben die Auffassung einer göttlichen Berufung und die damit einhergehende Hierarchie des Weltlichen im Christentum weiter gefestigt.

Es folgte, dass die grundlegende Möglichkeit einer Vernunft alleine an die Menschen weitergegeben wurde. So bemerkte etwa Augustinus: “Darum hat auch die gerechteste Anordnung des Schöpfers ihr Leben und ihr Sterben unserem Nutzen angepasst: So bleibt also nur, das Gebot einzig auf den Menschen zu beziehen: ‚Du sollst nicht töten.’” Für Aquin ist es die göttliche Vorsehung, welche den Menschen dank ihrer größeren Vornehmheit des vernunftbegabten Wesens ihren Platz als Oberhäupter der Welt zuweist. In der Neuzeit wurden diese Überzeugungen von unterschiedlichsten DenkernInnen weitergetragen. 
René Descartes (1596–1650), Begründer des frühneuzeitlichen Rationalismus, postulierte die Überzeugung eines rein mechanistischen Tierbildes. Descartes begründete diese Überzeugung ebenfalls damit, dass nichtmenschliche Tiere gänzlich ohne Verstand seien und nur die Menschen einen Geist besässen. Mit dem Bruch der theologischen Vorherrschaft ab dem 16. Jahrundert begannen sich auch neue, divergierende Ansichten bezüglich dem Verhältnis zwischen Menschen und anderen Tieren durchzusetzen. Jedoch vermochten auch diese es nicht, mit einer grundsätzlichen Unterscheidung zu brechen. 

“Auf die Art ist der Mensch ein Mittelwesen zwischen Tier und Engel, weil das Tier als Lebewesen unvernünftig und sterblich, der Engel hingegen vernünftig und unsterblich, der Mensch aber, in der Mitte, niedriger als der Engel, höher als das Tier, sterblich mit dem Tier, vernünftig mit dem Engel: das vernünftige sterbliche Lebewesen.“

Augustinus von Hippo
Obwohl sich in jüngeren Diskursen immer mehr die Auffassung durchsetzt, Menschen sollten ihre Haltung gegenüber nichtmenschlichen Tieren und der Umwelt von Grund auf überdenken, bleibt die Überzeugung einer grundsätzlichen Wesensungleichheit weiterhin bestehen. Die Tatsache, dass bereits antike Gottheiten in ihrer Ähnlichkeit zu Menschen gezeichnet wurden, enthüllt die Ansicht einer speziellen Stellung des Menschen im Kosmos. Ein Umstand, den Xenophanes (570–470 v. u. Z.) bereits lange vor Aristoteles pointiert zu ironisieren wusste.